Männer im Staub der Wüste     << zurück

Zum vierten Mal Rosenau Open auf dem Berliner Platz

Von Michael Werner, Stuttgarter Zeitung

Neulich träumte mir dies: Ich stand auf einer riesengroßen Bühne und sang zur Gitarre selbst ausgedachte Lieder und "Hänschen klein", und die Menschenmenge klatschte begeistert, und alle riefen meinen Namen, und hinterher wollten manche Autogramme, die ich gönnerhaft nach dem Schönheitsgrad der Antragstellerinnen verteilte oder eben nicht. Kurz bevor ich aufwachte, bekam ich duftende Blumen in die Hand gedrückt, die sich hinterher auflösten.
Das nur so zur Einleitung. Nur so, um den Bogen zu kriegen in Richtung des Umstands, dass es ja eigentlich keiner Gitarrenkünste bedarf, um auf einer Bühne zu stehen, nicht mal besonders gut geschriebener Lieder. Es gibt tatsächlich welche, die stehen mit Journalismus als Kunstform auf der Bühne. Genau genommen gibt es einen Einzigen neben all den Liedersängern und Spaßmachern, aber der macht das erstens schon so lange und zweitens so gut, dass es kein bisschen peinlich wirkt, sondern höchst unterhaltsam und überdies so normal, als sei ein Zeitungsartikel Bühnenmaterial wie ein Lied.

Der Mann heißt Joe Bauer, verdient sein Geld als Kolumnist der "Stuttgarter Nachrichten" und hat bei den vierten Rosenau Open auf dem Berliner Platz herauszuknurrende Sätze auf Lager, die keine Fragen mehr offen lassen, wie das Leben so sei. Joe Bauer liest: "Solange sich Mann und Frau lieben, spielen sie Federball. Wenn die Liebe erloschen ist, spielen sie Badminton." Damit ist alles gesagt. Außerdem war Joe Bauer anno 1999 bei den Rolling Stones auf dem Wasen und hat hinterher aufgeschrieben, dass Keith Richards auch mit der Marlboro im Mundwinkel singen kann, "und zwar sehr gut. Er klingt dann wie ein angeschossener Schakal".

Joe Bauer, der immer ein bisschen wie ein Westernheld klingt, der wegen dem zu Hause vergessenen Colt mit Worten abdrücken muss, ist also ein Keith-Richards-Mann, so wie viele coole Männer ja Keith-Richards-Männer sind, die - wie Bauer - Mick Jagger nicht besonders mögen. Oder die coolen Männer sind gleich Bob-Dylan-Männer, so wie Roland Baisch. Der moderiert diesen Abend, nicht bemüht originell, sondern eher verzweifelt komisch. Vor allem aber singt er drei Lieder mit seinem Count Baischy Orchester, das wunderbar die Gitarren aufjaulen lässt, während der Chef "Luxusfrau" (die Unerreichbare) auf "arme Sau" (er selber) reimt. Was Baisch macht, ist großer Rock 'n' Roll und große Comedy zugleich, auch weil er singt: "Ich riech nach Rauch - und du perfekt." Eine Gitarre hilft natürlich.

Vielleicht deshalb haben auch Eure Mütter eine mitgebracht. Vielleicht deshalb singt das Comedy-Trio, das eigentlich auf klamaukiges öffentliches Haarewaschen spezialisiert ist: "Stuttgart - das klingt nach Rock 'n' Roll." Vielleicht, weil der Rock 'n' Roll so verführerisch ist, bezeichnet das Trio im selben Lied Inge Meysel als "blöde Fotze". Aber das ist nicht bloß geschmacklos, sondern auch ziemlich antiquiert, weil die echten Rock-'n'-Roller ja schon vor Jahrzehnten erkannt haben, dass jedwedes

 

Zertrümmern von Hotelzimmern eine recht kindische Angelegenheit ist.

Echte Rock-'n'-Roller von heute schnappen sich lieber ein Mädchen, das singen kann und vielleicht Anja heißt, und eine Klampfe mit Pin-up-Zeichnung, weil das Motto des Abends ja "Stuttgart is my Lady" lautet, und dann singen sie mit dem Mädchen und der Klampfe einfach so Johnny Cashs "Jackson", weil das ein feines Lied ist, das man nicht oft genug singen kann. Genau so verfährt also der stilecht hemmungslose Michael Gaedt, und später vollführt er Stagediving im Gummischlauchboot, weil Selbstironie nicht schaden kann, wenn es um Rock 'n' Roll geht, zumal auf dem Berliner Platz, wo kolportiert wird, dass manchen Kommunalpolitikern der Bauzaun zu undurchsichtig sei und manchen Anwohnern der Spaß zu laut. Wahrscheinlich deshalb schallt es diesmal von der Bühne so unwirklich leise herab.

Mit der Ironie freilich ist das so eine Sache, gerade mit der leisen. Das Trio Backblech etwa hat eine Bettdecke mitgebracht, und die Konstellation hinter der ist denkbar einfach: Sie redet von Tantra, während er schnarcht. Sie will, er aber nicht. Die Auseinandersetzung im schwäbisch als "Neschd" bezeichneten Intimbereich dauert ziemlich lang und wird dabei immer mehr zum Naturtheater mit überschaubarer Lustigkeit.

Oder der Kabarettist Rolf Miller, der sich vor 1100 Zuschauern auf einem Stuhl fläzt und viele kluge Sätze beginnt, die - das ist sein Stilmittel - meistens nach einigen Ääähs und Ööööhs im Nichts versanden. Durchaus raffiniert ausgedacht ist das, allein - es wirkt unter freiem Himmel nicht annähernd so gut wie ein simpel geklampfter Cash-Song. Auch die Schlagergymnastik des Zauberers Topas ist nicht wirklich für Open-Air-Veranstaltungen erfunden worden, es sei denn, man betrachtet sie von vornherein als Hintergrundattraktion für den Smalltalk am Stehtischchen, bei dem gefragt wird, ob die Rosenau Open auf dem Berliner Platz bleiben dürfen. Die Unterschriftenlisten füllen sich rasch.

Ganz andere Aufmerksamkeit als Topas erfordern da Stefan Hiss am Akkordeon und Ralf Groher an der Trompete, die jegliche Ironie sehr virtuos hinter dem Pathos ihrer mexikanisch eingefärbten Balladen verstecken. "I'm gonna stay here till I die", singen sie, und dazu staubt die imaginäre Wüste, durch die eben Männer wie Groher und Hiss streifen, oder Joe Bauer oder Roland Baisch oder Michael Gaedt, die Künstler, deretwegen sich die Rosenau Open doch wieder sehr gelohnt haben.
Und Die Füenf? Die sind mit professionellster A-cappella-Performance eigentlich in jedem Jahr dabei und treten diesmal in Ermangelung echter Überraschungsgäste (früher: Dieter Thomas Kuhn, Afrob) als eben solche auf. Immer noch hübsch, wie sie Sades "Smooth Operator" in "Schuhsohlenleder" ummodeln, aber schon sehr oft gehört. Anderes an diesem Abend schon arg oft gesehen. Die besten Rosenau Open aller Zeiten waren das also nicht. Aber doch so gute, dass man sich wünscht, dass es weitergeht.

Stuttgarter Zeitung



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