Joe Bauer / Foto: © Thomas Hörner


...auf dem Fluss / Foto: © Kraufmann
...auf dem Fluss

Zielgenaue Schüsse mit Schalldämpfer

oder Warum Joe Bauer im Kolumnistenkabuff so gut aufgehoben ist

Ein Porträt von Vincent Klink*

Es dürfte in der Weinstube Fröhlich gewesen sein. Am Tresen hing ein Typ, von dem ich nur ungefähr wußte, was er trieb. En face mit ihm kam mir die Erinnerung an Charles Bukowski und sein Büchlein: Aufzeichnungen eines Außenseiters, "Notes of a dirty old man".

Nun ist Joe alles andere als dirty, und schon gar nicht alt: Zuzutrauen wäre ihm allerdings, daß er sich wie der amerikanische Sixpack-Dichter als Schnorrer bezeichnen könnte und dann in einem Nebensätzlein die weitere Deutung streute, daß er ein paar Stories auf Lager hätte - in der Tat, wie ich später feststellte, er hatte. Die Zusammenkünfte mit ihm wurden zahlreicher, und es festigte sich bei mir der Eindruck, Joe habe seinen Namen nicht von ungefähr, weshalb ich ihn mit drei Buchstaben bevorzuge.

Mir vermittelte er als Schreiber immer mehr die Impression eines scharf fokussierenden Revolverhelden, das feine Pfötchen nervös spielend am Abzug. Er schoß, damals wie heute, mit gedämpftem Ton, sozusagen mit Schalldämpfer, und sehr gelangweilten Äuglein. Leiser Flug der Kugel reicht völlig, wenn man zentral trifft. Ich erlebte mit ihm oft die Highnoon-Szene, als er wie Gary Cooper inmitten seines Duells fast einschlief, um dann um so feiner zu feuern. Sonst eher schweigsam, kam es immer wieder zu Wortgefechten. Wehe er traf nicht, dann geriet seine Rede zu gnadenlosem Stakkato. Da blieb ihm oft nur das Crescendo sortenreiner Flüche.

Doch zurück zum Tresen. Er wußte genau, wer ich war. Das genügte, um mir sehr cool den Schwäbischen Gruß anzubieten. Mehr noch, er wiederholte ihn sogleich. Da wußte ich wiederum, der "Lonely Cowboy" stammt, wie ich, von der Ostalb, wo man vorsichtshalber alles zweimal sagt, damit's auch wirklich jeder kapiert. In der Nähe eines Ostalbgipfels namens Himmelreich (sic!), von dessen Fuß sich die Gänseblümchen nach Mögglingen hinab verlieren, wurde er am 14. Juni 1954 geboren. Dort gibt es seit jeher zwei Saloons, drei Verkehrsampeln und, immerhin, eine Brauerei. Mittenlängs wird der Flecken von der B29 tranchiert, der Postkutschenroute, die nach Aussage des örtlichen Sheriffs so manches Unheil von Stuttgart heranbringt. Es geht aber auch umgekehrt, sie führt auch talwärts zur Landeshauptstadt.

Nachdem Joe im nachbarlichen Heubach im Fußballtor stand und jede Menge dreckiger Bälle abfing, viel entgegennehmen mußte und nicht austeilen konnte, kam ihm die Idee, sich im Schreiben zu versuchen. Zeitgleich flog er von der Schule, weil er partout nicht einsehen wollte, daß A-Quadrat mal B-Quadrat zum Wissen eines aufstrebenden Zentraleuropäers zu gehören habe. Der Stinkefinger war damals noch nicht erfunden, so rückte er grußlos ab, der Hauptstadt eine Parzelle näher ans Fell. Er begann ein Volontariat bei der "Remszeitung" in Schwäbisch Nazareth, der rabenschwarzen alten Reichsstadt, wo man sich, bis heute mit Recht, auf die Hohenstaufen und auf Federico Secondo beruft und zwischendurch auch schon mal Wolfgang Schuster als OB beschäftigte.

Klein-Joe wurde notgedrungen renitent. Er war reif für Stuttgart. Gerade etwas über zwanzig Jahre alt, setzte er sich zwischen alle Stühle in die unterste Etage des Presseturms. Schrieb und schrieb, lieferte alles andere als moderate Zeilen und stählte sich an den Anschissen seiner Vorgesetzten. Joe schrieb trotzdem weiter - und fühlte sich in Stuttgart immer ein Quentchen unwohl und pflegte so bis heute den Adrenalinspiegel, der ihm die Phantasie befeuert.
Und nachdem man ihn endlich aus dem Alltagsgeschäft entfernt und ihm das Kolumnistenkabuff zugewiesen hat, sprech' ich aus, was viele denken: Jetzt hockt er dort, wo er hingehört. Das bedeutet, daß es ihn kaum auf dem Stuhl hält und er oft ruhelos durchs Städtle zieht, das Ohr ans Volk legt, um die Befindlichkeiten der Einwohner in seine journalistische Botanisiertrommel zu zupfen.

So geistert er als fleischgewordene Entrüstung durch die Stadt, die er offensichtlich doch sehr liebt, sonst könnte er deren Puls nicht so heiß und treffend zu Papier bringen.

*Der Verfasser Vincent Klink, als Meisterkoch einem großen Fernsehpublikum bekannt, leitet das Stuttgarter Restaurant Wielandshöhe und arbeitet als viel gefragter Autor.

[© Stuttgarter Nachrichten]



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