Bauers Depeschen


Dienstag, 07. November 2017, 1868. Depesche


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FLANEURSALON IN MÖHRINGEN

Am Donnerstag, 16. November, ist der Flaneursalon im Möhringer Bürgerhaus, direkt am Bahnhof, Beginn 20 Uhr. Mit Thabilé & Steve Bimamisa, Loisach Marci und Timo Brunke. Karten gibt es in der Möhringer Volksbank in der Filderbahnstraße - Reservierungen sind per E-Mail möglich: vgrosser@gmx.de.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

HELMPFLICHT

Die welken Blätter fallen vor meiner feuchten Nase, und mir fällt ein: 2009 haben in England unbekannte Terroristen beinahe das Land ruiniert. Sie drohten Geschäften, die Schlösser ihrer Eingangstüren mit Leim zu verkleben, falls sie vor dem 1. November Weihnachtskarten verkaufen sollten. Ihre Ankündigung setzten sie prompt in die Tat um. Die Folgen sind bekannt: Kaum sieben Jahre später haben die Engländer zur Rettung ihrer Finanzen die EU verlassen.

Seit dem Brexit hat der europäische Gedanke wieder etwas Konjunktur, weil man hin und wieder über ihn redet – wenn auch nicht so euphorisch wie einst der Stuttgarter Dichter Georg Herwegh: „Und durch Europa brechen wir / Der Freiheit eine Gasse!“ Die heutigen Bekenntnisse zur EU-Kasse klingen eher frustriert, wenngleich immer noch eine gewisse Freiheitssehnsucht mitschwingt: „Europa besteht aus Staaten, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, was sie selbst beschlossen haben“, hat mal der österreichische Kabarettist Werner Schneyder gesagt.

Unsereins selbst ertappt sich ständig bei kleinstaatlichen Hinterwäldlergedanken. Ich glaube, dass es mit der internationalen Solidarität solange nichts wird, wie Stuttgarter Europäer ihr Geld in Mallorca oder Metzingen verschleudern, ohne jemals auch nur einen Cent in den globalisierten Zonen Heslachs und Hedelfingens abzudrücken.

Kürzlich kam ich zufällig mal bis Freiburg (nicht Freiberg), wo es mir so gut gefiel, dass ich gleich mehrere Tage geblieben bin. Freiburg gehört zum – unter Zwang und mit reichlich Beschiss vereinigten – Bundesland Baden-Württemberg. Im Grunde aber ist Freiburg eine durch und durch europäische Stadt. Obwohl im Schatten des finstersten Schwarzwalds, liegt es nur einen Steinwurf von Frankreich, der Schweiz und Europas Hauptstadt Stuttgart entfernt.

Als ich ankam, war gerade das Foodtruck-Festival in der Stadt: 400 Kleintransporter versorgten die Bevölkerung mit Speisen aus der ganzen Welt. Pastrami, Panzarotti, puderzuckerbestäubter Striebel. Da stand mir der Mund weit offen in meinem schwäbischen Maultaschengesicht.

Was mir als Spaziergänger bei unserer badischen Landsleuten auffiel, war das bunte Leben in den Stadtteilen, die selbstbestimmte Losgelöstheit schöner Viertel vom Zentrum und interessante Kulturprogramme, etwa im E-Werk oder auch im Kommunalen Kino. Dieses einladende Lichtspieltheater im Alten Bahnhof des Stadtteils Wiehre präsentierte, wie andere Freiburger Kulturhäuser, die originelle Reihe „100 Jahre Oktoberrevolution“. Wir in Stuttgart haben mit Rücksicht auf unsere Bolschewikenhasser und Putinversteher den historischen Blick auf die Sowjetunion vermieden, obwohl Lenin 1917 unseren Bahnhof auf dem Weg zu seinem Revolutionstermin in Moskau passiert hat. Zehn Jahre zuvor hatte unser liberaler König Wilhelm II. sogar offiziell den Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart genehmigt. So etwas würde sich heute Fritz der Große im Rathaus nicht mehr trauen, weil sonst nicht nur die schwarzen Mönche der Landesregierung zum Staatsstreich aufriefen.

Der CDU-Justizminister Wolf, ein Büttenredner aus Oberschwaben, plant neuerdings die Bekämpfung aller „Parallelgesellschaften“. Vermutlich ohne zu ­bemerken, dass sich im Landtag um ihn herum längst eine rechtsnationale Parallelgesellschaft gebildet hat, die zahlenmäßig stärker ist als die Rumpfparlamentabteilung der SPD.

Im kommenden Jahr stehen „100 Jahre deutsche Revolution“ auf der Agenda. Ich bin schon mal gespannt, ob uns dann irgendwo in der Stadt eine Veranstaltungsreihe darüber aufklären wird, dass auf dem Wilhelmsplatz, dem Hauptquartier der SPD, im November 1918 die roten Fahnen wehten, ehe die Sozialdemokraten die Revolution verraten haben. Wilhelm II. musste seinen Palais Richtung Bebenhausen verlassen – aber keineswegs, weil die Revolutionäre etwas gegen ihn hatten. Es war nur, entschuldigte sich ein auf­ständischer Wortführer beim König, „wega dem Sischdem“.

Heute haben wir zwar offiziell ein anderes System, huldigen aber weiterhin dem „Landesvater“, zurzeit King Kretschmann, dem Sonnengott des grünen Großbürgertums. Bis jetzt weiß ich nicht, ob er sich schon zur größten Bedrohung unseres sozialen Friedens seit der deutschen Revolution geäußert hat, zum Einkaufen am Heiligen Abend, was ja trotz EU Bundesländersache ist. Die Gewerkschaft Verdi, der ich voll parteiisch angehöre, ist gegen den verkaufsoffenen Heiligabend – in Stuttgart natürlich ein Unding. Es kann doch nicht sein, dass im Kessel mit seinem Anspruch auf die „Spitzenposition in Europa“ (Kuhn) ein Einkaufsklotz nach dem anderen hochgezogen wird – und dann, Heilandsack, geschlossen bleibt, nur weil Heiligabend zufällig auf einen Sonntag fällt.

Mit dem Einkaufsverbot wären alle solidarischen Bemühungen um den Fortbestand der asozialen Marktwirtschaft zerstört. Ich habe in diesem Jahr schon Weihnachtsmännermützen an Geschäftsständern hängen gesehen, als halb nackte Menschen durch die Straßen rannten, um bei hochsommerlichen Temperaturen verzweifelt Weihnachtsware zu hamstern.

Diese Weihnachtsmännermützen in Rot und Weiß erinnern nicht nur an den VfB. Sie dienen auch als Kennzeichen christlich­demokratischer Gesinnung, etwa beim Grapsch-und Baggerfestival auf dem Weihnachtsmarkt, dem parallellgesellschaftlichen Swingerklub im Kampf gegen die Me-too-Bewegung.

Unser Justizminister, als Problem-Wolf auf der einen oder anderen politischen Abschussliste, hat bei seiner Offensive gegen eigenständige Rechtsausübungen in Parallelgesellschaften nicht nur Mafia und Muslime, sondern auch „Rockerbanden“ im Visier. Sehr gut. Nachdem man Motorradklubmitgliedern hierzulande bereits das Tragen ihrer Kutten verboten hat und auch Burkas kein großes Ansehen mehr genießen, wäre es für Wolf Zeit, für alle Risikobürger zum Beweis ihres abendländischen Eingliederungswillens das Weihnachtsmännermützengebot einzuführen. Endlich unterlägen Muslime, Mafiosi und Hells Angels der Integrationshelmpflicht, bevor sie womöglich inkognito das Weihnachtsgeschäft mit Scheibenkleister torpedieren.

 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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