Bauers Depeschen


Samstag, 09. September 2017, 1843. Depesche


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JOE BAUERS FLANEURSALON live am Dienstag, 17. Oktober, im Club Four 42 in Untertürkheim. 20 Uhr. Mit Rolf Miller, Loisach Marci, Anja Binder. Reservierungen: EASY TICKET - ACHTUNG: Zwei Drittel der Karten für den bizarren Industriekeller in der Augsburger Straße 442 sind bereits weg. Leichte Anfahrt mit S-Bahn, SSB (Linien 4 und 13), Busse - nur kurzer Fußweg vom Untertürkheimer Bahnhof. Auch Parkplätze vorhanden.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

MIT SICH IM REINEN

Schon oft in dieser Kolumne habe ich den reinen Zufall als Helfershelfer auf meinen Wegen durch die Stadt erwähnt. So langsam aber komme ich von meinem Kismetdenken ab. Womöglich ist Stuttgart so klein und eng, dass es kein Entrinnen gibt.

Bei einem Spaziergang durch die Stadt erzählt mir der Schlesinger-Wirt Martin Arnold von einer Frau, die seit mehr als 30 Jahren hauptberuflich einige bekannte Lokale in der Stadt sauber macht. Minuten später treffen wir sie vor dem Palast der Republik. Susanne Bauer ist 52 Jahre alt und arbeitet für ihre eigene Gebäudereinigungsfirma. Seit zehn Jahren führt ihr Sohn Denis, 31, dieses Mini-Unternehmen; mit ihm ist sie sieben Tage die Woche im Einsatz. Werktags sind sie zu zweit, samstags und sonntags, wenn zusätzlich mehrere Discos zu reinigen sind, kommen freie Mitarbeiter hinzu.

Als ich mich mit ihr zu einem Kneipenplausch über ihren Job treffe, haben sich exakt am Tag zuvor der Bundesinnungs­verband des Gebäudereinigungs-Handwerks und die IG Bau nach der dritten Runde ihrer Tarifverhandlungen ohne Ergebnis getrennt. Die Gewerkschaft will den Mindestlohn von zehn auf elf Euro erhöhen und ein Weihnachtsgeld. Susanne sieht diese Verhandlungen mit gemischten Gefühlen. Einerseits wird in ihrer Branche mies bezahlt. Andrerseits kann ein Kleinstunternehmer höhere Löhne kaum verkraften, weil ihm seine Kunden keine höheren Preise zahlen werden. Die Gewerkschaft hat bereits angekündigt, möglichst viele Kunden im Gewerbe nach ihrer Zahlungsmoral zu fragen – und sie zum Umdenken zu bewegen.

Der Lohnkonflikt ist für Susanne schon lange ein Dilemma. Viele Kneipen, sagt sie, müssten mehr denn je um ihre Existenz kämpfen. Schon weil es immer mehr Lokale in der Stadt gebe. Sie verstehe sogar manchmal, wenn diese Läden Reinigungsleute schlecht bezahlten. Dass allerdings viele Großkonzerne die Preise der Reinigungsfirmen rigoros drücken und auf nicht zu erfüllende Knebelverträge mit brutalen Zeitlimits pochen, stehe auf einem anderen Blatt.

Susanne reinigt und putzt seit ihrem Realschulabschluss. Ihre Eltern hatten eine chemische Reinigung auf der Paulinenbrücke und später eine zweite in Degerloch. In den achtziger Jahren arbeitet sie im elterlichen Betrieb, als Tommy Müller, der Chef des Wangener Liveclubs Longhorn, sie eines Tages anspricht, ob sie bei ihm putzen könne. Tommy hat chemische Reinigung mit Gebäudereinigung verwechselt. Susanne hat damals einen kleinen Sohn, kann Geld brauchen und sagt zu. „In den Achtzigern“, sagt sie, „konnte man mit Putzen noch Geld verdienen. Geld war noch viel mehr wert.“

Bevor ich mich mit ihr über ihre Arbeit unterhielt, waren mir Gedanken über eine veränderte Schmutz- und Hygienekultur der Kneipengänger im Lauf der Zeit durch den Kopf geschwirrt. Bilder verstörender Toilettenabenteuer, abendländischer Barbarei, von der Wahrheit eines Schlagers: „Männer sind Schweine“ (und Frauen auch keine Lämmer). Susanne sagt: „Grundsätzlich hat sich nicht viel verändert.“ Unter den nächtlichen Hinterlassenschaften der Gäste findet man heute mehr zerbrochene Gläser als früher, mehr Graffiti an den Wänden und Utensilien, die ich aus Gründen der Diskretion unterschlage. Dass gemächtgesteuerte Typen bis heute glauben, ihre Pisserexistenz auch jenseits der Urinale nachweisen zu müssen, ist nichts Neues, nicht für die deutsche Leitkultur.

Susanne arbeitet in sogenannten Szenekneipen. Da keiner weiß, was damit gemeint ist, reden wir besser von ehrbaren Etablissements. In diesen Kreisen ist Susanne eine Institution. Zu ihren Kunden ­gehören neben dem Schlesinger in der Schloßstraße das Immer Beer Herzen im Leonhardsviertel, das Concha am Wilhelmsplatz, der Palast der Republik in der Bolzstraße, das Ribingurum in der Theodor-Heuss-Straße. Zu ihren Clubs zählen das Uni­versum am Charlottenplatz, das CD am Hirschbuckel, das Kowalski in der Kriegsbergstraße beim Bahnhof.

Im Kowalski trifft Susanne eines Sonntagmittags ein junges Mädchen und einen jungen Kerl, die sich – vermutlich wegen der allgemeinen Wohnungsnot – nachts hatten einschließen lassen im dringenden Bedürfnis, sich näher kennenzulernen. Weil Liebe durstig und müde macht, gönnten sie sich nach der Kühlschrankplünderung einen verdienten Schlaf. Die Club-Chefs reagierten cool: Nach einer Entschuldigung durfte das Pärchen mit den besten Wünschen in sein neues Glück entschwinden.

Susanne ist einst im Morgengrauen zum Kehren und Wischen unterwegs, als nach einem Alarmsignal Polizisten im Club Das Unbekannte Tier einen Kleingelddieb mit dem filigranen Körpereinsatz eines Antiterrorkommandos flach legten. Heute sichern nicht mehr nur Türsteher und Securityleute die Clubs. Alarmanlagen, Bewegungsmelder mit Verbindung zu den Personalhandys und Videoüberwachung sind Standard.

In unserem Kneipengespräch, belauscht von Eva, einer der beiden Bordeaux-Doggen ihres Sohns, klagt Susanne kein einziges Mal über die viele, oft erschreckend billige Konkurrenz im Gewerbe. Ausbeutung und notgedrungen Selbstausbeutung gehen Hand in Hand. Kein Wort über Ausländerfamilien, die ihre Dienste für sehr wenig Geld anbieten, keine Schuldzuweisung an Kollegen. Sie ist mit sich im Reinen.

Hat sie je ein Problem mit Respektlosigkeit und Überheblichkeit gegenüber ihrer Arbeit gehabt? Mit Machosprüchen der Sorte „Putzschlampe“, die bis heute in der Gastronomie die Runde machen – selbst wenn sie nicht böse gemeint sind? „Nein. Alles Einstellungssache. Ich mache mein Ding. Ich arbeite. Ich war noch nie krank – mein Vater hat es genauso gemacht.“ Ihr Verdienst, sagt sie, reiche gerade mal zum Leben. Urlaub? So gut wie nie. Zuletzt war sie mal in Griechenland – vier Tage. Trotz ihrer günstigen Mietwohnung wird sie später nicht einmal ansatzweise von der Rente leben zu können. „Ich habe keine Existenzängste, putzen kann man immer.“

Ob sie zur bevorstehenden Wahl gehe, sich für die Politik interessiere, die für die Verhältnisse verantwortlich sei, frage ich sie. „Klar gehe ich wählen. Ich hätte sonst kein Recht, über die Zustände zu meckern.“



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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