Bauers Depeschen


Dienstag, 29. August 2017, 1838. Depesche


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SCHADE, es ist etwas ruhig geworden - ist doch hier der Platz aller Dichter und Denker, Richter und Henker:

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JOE BAUERS FLANEURSALON live am Dienstag, 17. Oktober, im Club Four 42 in Untertürkheim. 20 Uhr. Mit Rolf Miller, Loisach Marci, Anja Binder. Reservierungen: EASY TICKET



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Die aktuelle StN-Kolumne:

HUFGEKLAPPER

Oben ist die Luft besser als unten, also noch mal Richtung Himmel. Beim Herumziehen in der Stadt ergibt das eine immer das  andere. Heute stehst du auf dem Gerda­-Taro-Platz zur Erinnerung an die Kriegsfotografin, die im Spanischen Bürgerkrieg gefallen ist. Morgen gehst du in die Breitscheidstraße, wo die Krankenschwester Betty Rosenfeld aufgewachsen ist, bevor sie sich im selben Krieg den Internationalen Brigaden anschloss und in Auschwitz ermordet wurde.

Überall schwirren Geschichten herum. Neulich habe ich nach einem zufälligen Waldau-Besuch vom Degerlocher Luftbad berichtet, ein paar Tage später griff ich, was selten vorkommt, mein Fahrrad – um mir ein weiteres Stück Degerloch vorzunehmen.

Da als Bergziege weder besonders talentiert noch angemessen gedopt, überwinde ich die 207 Höhenmeter vom Marien zum Albplatz mit der Zahnradbahn. Unterwegs würde ich gern aussteigen, um wieder mal einen Blick auf das Gründerzeithaus des Philosophen und Schriftstellers Max Bense zu werfen. Von 1949 bis zu seinem Tod 1990 lebte und wirkte er – außergewöhnlich öffentlich – in Stuttgart und wohnte an der Alten Weinsteige 98, wo er illustre Gäste empfing. Vor der Endstation aber darfst du dein Rad nicht vom sogenannten Vorstellwagen der Zacke abladen – sie könnte sich verspäten, falls du die Befestigungsriemen erst mit einer Kettensäge lösen musst.

Der Ausflug am Sonntag lief nicht zufällig ab, ich hatte ihn mithilfe des unersetzlichen Buchs „Stuttgart zu Fuß“ geplant – und vorsichtshalber eine Reiseführerin aus Fleisch und Blut eingespannt, weil ich keine Stadtpläne lesen kann. Was interessiert es einen Streuner, wo Süd und Nord ist. In Stuttgart kannst du dich nicht verirren. Irgendwann siehst du den Fernsehturm, den Monte Scherbelino – oder landest an einer Stadtautobahn.

Als Fahrradkundschafter ging es mir darum, ein paar Orte etwas großflächiger und luftiger wahrzunehmen als zu Fuß. Und tatsächlich bereitet es einiges Vergnügen, auf Degerlochs Höhen durchs Grüne zu radeln an einem Sonntag im August, wenn weniger Autos unterwegs sind als sonst.

Unser erstes Ziel führt uns Richtung Waldau zum früheren Haus Adolf Hölzels in der Ahornstraße 22, wo wir den Briefkasten der gleichnamigen Stiftung und des Fördervereins Hölzel-Haus entdecken. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, „dieses Haus zu renovieren und es zu dem werden zu lassen, was Adolf Hölzel und seinem Werk geschuldet ist: ein Ort der Erinnerung an den großen Meister der Moderne und eine Quelle der Inspiration für Kunstinteressierte und Künstler“, heißt es auf der Webseite. Der streitbare Künstler und Akademiedirektor wurde nach seinem Tod 1934 auf dem Waldfriedhof begraben.

Es gäbe viel über ihn und die Kunst zu erzählen, etwa über seine hochbegabte Schülerin Ida Kerkovius aus Riga, die bei der Zacke an der Ecke Knödler-/Nägelestraße wohnte. Wie Hölzels Bilder wurden auch ihre Werke von den Nazis als „entartet“ diffamiert und durften nicht ausgestellt werden. In Vaihingen – in der Umgebung anderer Künstleradressen – hat man einen Weg nach ihr benannt. An den Orten ihres Lebens findet man dagegen keine Informationen; 1970 starb sie in Stuttgart. Die Autorin Maja Riepl-Schmidt hat Ida Kerkovius in ihrem Standardwerk „Wider das verkochte und verbügelte Leben“ über die „Frauen-Emanzipation in Stuttgart seit 1800“ ein ausführliches Kapitel gewidmet.

Auch in der Ahornstraße 52 wohnte eine Schülerin Hölzels: Maria Lemmé, geborene Schwarzkopf, aus Odessa. Mit ihrem Mann Karl Lemmé war sie von 1914 bis 1918 in russischer Gefangenschaft in Sibirien. 1918 kamen sie nach Degerloch. Karl starb 1933. Neun Jahre später wurde die jüdische Künstlerin ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie im März 1943 mit 62 Jahren umkam. Die Nazis haben fast alle ihre Werke zerstört.

Auf diesen Spuren der Kunst muss ich irgendwann einen Spaziergang nachlegen, mit dem Rad ging es später weiter nach Hoffeld, wo seit 1987 eine Staffel an Maria Lemmé erinnert. 2006 hat der Berliner Künstler Günter Demnig vor ihrem Haus in der Ahornstraße einen Stolperstein gelegt.

Von der Ahornstraße fahren wir aber zunächst über die Reutlinger Straße zur Falterau, einer Arbeitersiedlung aus der Genossenschaftsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Bauten wirken vergleichsweise bürgerlich, nur einige Doppelhäuser erinnern an die genossenschaftliche Gartenstadt Luginsland. 1913 wurde zur Feier der neuen Falterau eine Variante des Brüssler Manneken Pis eingeweiht. Anders als sein Brüsseler Kollege fasst sich das „Brunnebüble“ bei seinem Geschäft nicht an den Pillermann, sondern keusch an die Brust. Wie es sich gehört für Degerloch.

Unterwegs höre ich Hufgeklapper, und in der Höhe der Ramsbachstraße hole ich zwei junge Männer in einer Kutsche ein. „Ist das ein Privatfahrzeug?“, rufe ich ihnen zu. Ja, klar. Schade, wäre eine gute Alternative zur SSB. Zwei Islandponys ziehen den offenen Öko-Sportwagen, und womöglich siehst du so etwas nur in Degerloch, von Ureinwohnern bis heute Dägerloch ausgesprochen.

Weg vom Ramsbach schließlich nach Hoffeld zur nächsten Arbeitersiedlung, die kurz vor der Nazi-Diktatur errichtet wurde: keine genossenschaftliche Errungenschaft wie die Falterau, sondern das Ergebnis der Brüning’schen Notverordnung, einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des reaktionären Kanzlers. Arbeitslose konnten sich mit staatlicher Hilfe Eigenheime bauen. Ich steige ab und spreche ein Ehepaar an, sehr freundliche Leute. Vor 40 Jahren sind sie vom Westen wegen ihres kranken Kinds und der schlechten Luft in der Stadt nach Hoffeld gezogen. Sie schwärmen von den schönen großen Gärten. Noch heute seien das echte Treffpunkte: Unter den Nachkommen der Siedlungsgründer beobachte man Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe wie in den Anfängen des Viertels.

Am Ende fahren wir hungrig zum Clara-Zetkin-Waldheim nach Sillenbuch. Die einst in Stuttgart lebende Sozialistin und Frauenrechtlerin Zetkin war den Künsten gegenüber weit aufgeschlossener als viele SPD-Banausen, die Musik oder Malerei für die Arbeiter als störende Ablenkung von der Politik betrachteten. Das aber ist eine andere Geschichte – und der Erfahrungsbericht eines ewigen Anfängers im Sattel zu Ende. Die Tour geht weiter.

 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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