Bauers Depeschen


Samstag, 26. August 2017, 1835. Depesche


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FLANEURSALON mit ROLF MILLER

in UNTERTÜRKHEIM

Am 17. Oktober ist der Flaneursalon in Untertürkheim, an einem eher unbekannten Ort. Bei unserem Gastspiel in einem bizarren, zum Club ausgebauten Industriekeller machen der Halbsatz-Komiker Rolf Miller, das schräge Folklore-Duo Loisach Marci und die Balladensängerin Anja Binder mit. Vorverkauf - auch telefonisch: EASY TICKET

 

Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

SCHLAFMÜTZEN UND PUNKS

Falls jemand danach fragen sollte: An diesem Sonntag feiert Georg Wilhelm Friedrich Hegel aus Stuttgart Geburtstag. Seine genaue Adresse ist mir nicht bekannt, nur so viel: Er residiert irgendwo links im Paradies der Unsterblichen und wird am 27. August 247 Jahre alt.

In Wahrheit ist der ganze Hegel weit weg von mir. Ich stolperte über ihn, als ich in der Stadt den Abschied des Sommers beobachtete. Zwei junge Chinesen mit Mercedes-T-Shirts wollten vor dem Hegelhaus in der Eberhardstraße von mir wissen, ob das kleine Museum geöffnet habe. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, antwortete ich wissend: Sorry, meine lieben Freunde aus dem Reich der Mitte, ich bin untröstlich, aber das ehrenwerte Haus schließt in exakt fünf Minuten.

Chinesin & Chinese nickten mir respektvoll zu, vermutlich hielten sie mich für einen waschechten Stuttgarter Hegelianer. In Wahrheit hatte ich mir Sekunden zuvor im Geburtshaus des Philosophen für sechs Euro einhundert seiner „Gedanken und Aussprüche“ gekauft. Erschienen ist das Heft im Peter-Grohmann-Verlag, dessen berühmter Eigentümer noch voll frisch und pfenniggut im Diesseits lebt, obwohl er im Oktober auch schon achtzig wird.

Stuttgart ist die Stadt der alten Männer, was mir nur recht sein kann. Auf dem Weg ins Paradies der Weisheit geht es nicht ums Jungsein im Hipstermodus, es geht um Haltung: „Sei keine Schlafmütze, sondern immer wach! Denn wenn du eine Schlafmütze bist, so bist du blind und stumm. Bist du aber wach, so siehst du alles und sagst zu allem, was es ist. Dieses aber ist die Vernunft und das Beherrschen der Welt“, sagt Hegel. In diesem Sinne: Guten Morgen, Welt!

Es war schwül in der Stadt. Das passte mir nicht in den Kram, als ich die ersten Spuren des Herbstes und Winters oder zumindest des Altweibersommers suchte – was mich wieder mal, heute aus Gründen unserer progressiven Geschlechterpolitik, zur Klarstellung zwingt: Die Herkunft des Begriffs Altweibersommer muss nach Stand der Dinge nicht zwingend mit älteren Damen zu tun haben. Er könnte auch von dem althochdeutschen Wort „weiben“ abstammen – demnach an das Knüpfen von Spinnweben und nur deshalb an graue Frauenhaare erinnern.

Allerdings symbolisieren graue oder silberne Haare im Zeitalter von Buntheit und Gendertheorien nicht mehr das Alter. Angesichts gut gestylter Frisuren aus Salons wie „Fönix“ oder „Haarnarchie“ muss ich darauf hinweisen, dass am 15. September im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz eine kulturhistorische Aus­stellung eröffnet und ein umfangreiches Buch dazu vorgestellt wird: „Wie der Punk nach Stuttgart kam“. Dieses Projekt behandelt „40 Jahre Punk in Stuttgart“ und erzählt uns einiges über den Zeitgeist in der subkulturellen Kesselebene: Woanders wurde 1977 der Punkrock bereits für tot erklärt. Da die Bewegung aber seit ihrer Entstehung bis heute täglich totgesagt wird, ohne je gestorben zu sein, müssen die Punks im Sinne Hegels etwas Waches und Anti-Schlafmütziges zur Beherrschung der Welt intus haben. Da bearbeitet man doch rasch noch mal seine letzten Haare mit dem Staubsauger und legt das Album der Ramones von 1977 auf: „It‘s Alive“. Und wer mehr als nur ein bisschen am Leben ist, hört die Signale aus dem Jetzt: In Stuttgart und Esslingen ist in den vergangenen Jahren großartiger zeitgenössischer Punkrock entstanden. Die Musik von Bands wie Human Abfall und Die Nerven wird von Kennern in der ganzen Republik gefeiert. Schon hole ich eine Scheibe aus dem Regal und singe mit Human Abfall: „Auf in die Zukunft“.

Und weil es sich so schön heimelig­altbacken liest, zitiere ich aus der Ankündigung der Ausstellung: „Unter der spießig-glatten Oberfläche der baden-württembergischen Landeshauptstadt brodelt(e) es. Wie kam es zu einer Punkbewegung? Wo ging sie hin? In einer Stadt, eher bekannt für Kehrwoche, Autos, Hip-Hop und Feinstaub . . .“ Diese Zeilen wecken vollends meinen Heimatstolz, auch wenn ich es im Sinne unseres obersten grünen Patrioten im Rathaus nie zu einem elektrischen Zweitwagen gebracht habe – vielleicht deshalb nicht, weil ich keinen Erstwagenstinker besitze.

Inzwischen bin ich etwas abgeschweift von meinem Spaziergängerkurs auf der Suche nach den Spuren des Herbstes und des Winters. Die bereits gefallenen Kastanien in den Straßen sind nicht unbedingt Zeichen der nahenden Weihnacht, weil sie ja oft nicht saisonbedingt, sondern tödlich erkrankt zu Boden stürzen. Die wunderschöne grüne Stachelhülle der Kastanie aber erinnert mich so sehr an die Symbole des Punks wie die Sicherheitsnadel und die Ratte. Bei uns in Stuttgart hat man einst die lieb­reizende Kastanie sogar ohne ihre scharfe Verpackung als lebensgefährliches Wurfgeschoss gedeutet und sie politisch in den Rang des fliegenden Pflastersteins erhoben. Diese Verwechslung irritiert ein wenig, weil beispielsweise noch selten jemand geröstete Pflastersteine gevespert hat, wenn er Bock auf Maronen hatte. Das biblische Kastanienwunder, vollbracht am Schwarzen Donnerstag, jährt sich am 30. September: Sieben fette Jahre sind seitdem vergangen und viele Pflastersteine von den Kastanienbäumen auf unschuldige Häupter gefallen, seit im Schlossgarten mit unseren Polizeichaoten der Punk abging.

Auf meinem Weg vorbei am Hegelhaus durch die Stadt habe ich dann doch noch die ersten Winterboten entdeckt: Schöne Plakate kündigen den Weltweihnachtscircus und sein Jubiläum an. Seit 25 Jahren gastiert diese großartige Artistenshow auf dem Wasen, diesmal noch mit Wild- und Raubtieren, die ja schon bald Manegenverbot haben werden. Damit werden sie von unseren Politikpatrioten auf eine humane Weise geschützt, von der die vielen, von unserer Wirtschaft ausgebeuteten Menschen in den Heimatländern der Elefanten und Löwen nur träumen können.

Und was ich auch noch sagen muss: Für die „Nacht der Lieder“, den kleinen Benefizzirkus zugunsten der Aktion Weihnachten unserer Zeitung am 5. und 6. Dezember im Theaterhaus, gibt es nur noch sehr wenige Karten. Bloß keine Schlafmützigkeit vortäuschen – Reservierungen per Telefon: 0711 / 4 02 07 20.



 

im Nordbahnhof-Areal
 

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20.10.2017


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