Bauers Depeschen


Dienstag, 20. Juni 2017, 1805. Depesche


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FLANEURSALON mit ROLF MILLER

in UNTERTÜRKHEIM

Am 17. Oktober sind wir in Untertürkheim, an einem eher unbekannten Ort. Bei unserem Gastspiel in einem bizzaren, zum Club ausgebauten Industriekeller machen der Halbsatz-Komiker Rolf Miller, das Folklore-Duo Loisach Marci und die Sängerin Anja Binder mit. Die Zahl der Plätze ist begrenzt, es gibt bereits jetzt online und telefonisch einen Vorverkauf: EASY TICKET



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:



AM SCHIENENHAUFEN

Ich sitze vor dem italienischen Eiscafé San Marco am Cannstatter Bahnhofsplatz, an dem sich die Menschen einst auf der Sonnenseite des Lebens trafen. An diesem Ort standen mal First-Class-Hotels aus dem 19. Jahrhundert, darunter das Vier Jahreszeiten. Nach dem Krieg eröffneten in der zerstörten Bahnhofstraße die Schwabenlichtspiele, wo sich Stars wie Luis Trenker und Heinz Rühmann die Ehre gaben. Mitte der Achtziger wurden die Kinos geschlossen, ohne dass ich Trottel sie je betreten hatte. Damals war Cannstatt noch weniger im Stuttgarter Bewusstsein als heute, und das will was heißen.

Den Bahnhofsplatz mit seiner schrill-roten Eisenplastik namens „Schienenhaufen“ bezeichnet man heute als „sozialen Brennpunkt“, weil hier täglich ein Dutzend Menschen sitzen, die Pech hatten, keine Chance oder mit ihrem Leben nicht viel anfangen können. Mich hat in dieser Gegend noch niemand verhauen. Und die langen Bahnhofsschatten erzählen mir mehr als die innerstädtischen Sammelpunkte, die man „Hotspots“ nennt, weil man ein paar aneinandergereihte Kneipen und eine Autostraße mit Strampel-Erlaubnis für Fahrradfahrer Richtung Marienplatz als Weltstadtereignis feiert.

Seit Jahrzehnten wird viel über die Bedeutung unserer Stadt geredet, über das Image einer eher kleinen Gemeinde, die schöner und unverwechselbarer wäre, würde man sie nicht ständig zum Ausverkauf freigeben. Bagger und Abrissbirne, Beton und Glas können ihr nur einen Ruf verleihen, den sie nicht braucht.

Seit jeher bin ich auf der Suche nach einem Quartier mit kulturellen Eigenheiten und liebenswerten Käuzen, die ein echtes Stadtviertel ausmachen. Spürbares städtisches Leben – um den von der Werbung verhunzten Begriff „urban“ zu vermeiden – ist ja nicht nur von Bars abhängig. Ich erinnere mich an Zeiten, als wir nachts auf ein paar wenige Kneipen und Kaschemmen angewiesen waren, die nur illegal geöffnet hatten. In dieser Notlage entstand in wenigen Nischen ein wild gemischtes, definitiv urbanes, subkulturelles Milieu. Ein Szenenleben, das man heute nur in wirklichen Großstädten findet. Doch das ist Vergangenheit, und die scheint oft nur gut, weil sie vergangen ist.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich intensiver mit diesem vergessenen Cannstatt, und wie so oft heißt mein Stadtführer Zufall. Seit das Bad Berg umgebaut wird, lande ich regelmäßig im Mineralbad Cannstatt. Mineralwasser ist ja generell das Beste, was diese Stadt als Nahrungsergänzungsmittel für unser Kesselleben zu bieten hat. Auch deshalb gehe ich jetzt öfter über den Neckar, den man gar nicht oft genug überqueren kann. Es ist eine Schande, wenn man auf Besuch in anderen Neckarstädten wie Esslingen oder Heidelberg Stuttgarts ignorantes und provinzielles Verhältnis zu unserem Fluss erkennen muss. In Jürgen Hagels empfehlenswertem Buch „Cannstatt und seine Geschichte“ findet sich der Vermerk, dass schon 1991 die Initiative „Stadt am Fluss“ ins Leben gerufen wurde. Dieses Unternehmen aber konnte keine große Rolle mehr spielen, weil zwei Jahre später die Planungen für Stuttgart 21 und die neue Weltbedeutung des Kessel mit dem Anschluss an Bratislava vieles blockierten.

Nach meiner jüngsten Wiederauferstehungsprozedur im Wunderwasser von Cannstatt – wo es übrigens direkt neben und sogar im Bad einen guten Bäcker gibt – landete ich an der Waiblinger Straße in einem kleinen, guten Lokal namens Viet Long, mitten in einem der Monsterbauten am Wilhelmsplatz. Zu diesem womöglich scheußlichsten Konsumklotz der Stadt muss man eigentlich nichts mehr sagen. Allerdings ist dieses Laden- und Kneipenlabyrinth inzwischen dermaßen skurril, dass ich am Tag nach meiner Schwimm- und Schwitzkur neugierig zurückkehrte. Ganz erstaunlich, wie gut das riesige griechische Freiluft-Café Bliss an diesem heißen Junitag gefüllt war, welch fröhlicher Sonntagstrubel herrschte.

Beschwingt von so viel Leben ging ich die Straße auf beiden Seiten mehrfach rauf und runter, bestaunte Spielhöllen, kleine Bars und Geschäfte, etwa den Salon Alanya mit dem Schild: „Erster türkischer Herrenfriseur in Stuttgart“ (mit einer Rasur im Angebot). Bemerkenswert auch, dass es in der Waiblinger Straße beim Wilhelmsplatz gleich zwei Geldtransfer-Büros gibt, ein Zeichen für die internationale Umtriebigkeit im Revier.

Weder der Wilhelms- noch der Bahnhofsplatz könnten mich je davon abhalten, dieses Cannstatt am Neckar mit seinen siebzigtausend Menschen in unterschiedlichsten Vierteln zu genießen und zu erforschen – im Gegenteil. Aus der richtigen Perspektive betrachtet, wirken diese Kulissen als aufregender Kontrast zu den vielen beschaulichen Orten dieses größten und ältesten Stadtbezirks mit seiner bewegten Geschichte und bunten Gegenwart. Ein Bezirk mit vielen Gesichtern, ob in der schönen Altstadt, im Kurpark, in der Neckarvorstadt, am Burgholzhof, in Steinhaldenfeld oder auf der Kulturinsel beim Veielviertel.

Das ewige Geschwätz über die angebliche ­„Mitte“ des zerrissenen Stuttgart ist so langweilig wie das Gerede über die „Visionen“ von Leuten, die Jahrzehnte alte Vorschläge für Korrekturen wie an der „Kulturmeile“ mit großen städtebaulichen Würfen verwechseln. Eine Vision hatte der Mafioso Bugsy Siegel, bevor er in der Wüste von Nevada mit einem Hotel- und Casinobau Las Vegas aus dem Boden stampfte. Eine Vision hatte der Kulturtheoretiker und -politiker Hilmar Hoffmann, als er in Frankfurt das Museumsufer auf den Weg brachte.

Als Spaziergänger habe ich ein paar Träume, Spaß am Entdecken und Freude an Geschichten. 2025 wird es 120 Jahre her sein, dass Cannstatt mit Stuttgart vereint wurde. Vielleicht gelingt bis dahin eine politische, kulturelle und vor allem emotionale Vereinigung der Stadt am Fluss – und dann ein rauschendes Jubiläumsfest. Bis dahin werde ich noch einige Male am Bahnhofspatz sitzen und mir vorstellen, was abging, als in Cannstatt Württembergs erste Eisenbahnstrecke eröffnet wurde.



DEMO, MONTAG 3. JULI - STUTTGARTER MARKTPLATZ:



STOPPT DEN AUSVERKAUF DER STADT!

Für Menschen bauen – nicht für Profite!​

​Immer mehr Menschen in Stuttgart und Umgebung sind von Mietexplosion, Abrisswahn und Wohnungsnot betroffen. Am 3. und 4. Juli feiern Politiker und Größen der Bauwirtschaft ihren „10. Immobilien-Dialog Region Stuttgart“ im Rathaus der Landeshauptstadt. „Investoren sind in der Region Stuttgart willkommen, denn die Wachstumsperspektiven bleiben trotz knapper Flächen weiterhin gut“, verkündet die Agentur Heuer-Dialog als Veranstalter. Das AKTIONSBÜNDNIS RECHT AUF WOHNEN ruft auf zum Protest gegen diese Immobilien-Kungelei und die Verdrängung von Gering- und NormalverdienerInnen aus unserer Stadt. „Für Menschen bauen – nicht für Profite!“ – unter diesem Motto treffen wir uns am Montag, 3. 7., zu einer Aktion auf dem Marktplatz. Beginn 19 Uhr. Bitte Trillerpfeifen u. ä. mitbringen.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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