Bauers Depeschen


Donnerstag, 06. April 2017, 1771. Depesche


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DIE LIEDER DES TAGES

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... die aktuelle StN-Kolumne:



BERÜHMT IN CANNSTATT

Ausstieg am Kursaal, weiter in Fahrtrichtung links, Richtung Fluss. Am Vormittag bei sonnigem Wetter ist es am schönsten am Neckar: „Es glänzt die bläuliche Silberwelle“ (Hölderlin).

Auf meinem Weg zum Fluss liegt der ehemalige Flurwirt mit seinem Biergarten; vor zwei Jahren ist in dieses Gasthaus The Little Greek Taverna eingezogen, schon viel länger gibt es ein gleichnamiges griechisches Restaurant in der Wilhelmstraße. In beide Läden kehre ich gern ein.

In Cannstatt, diesem im Stuttgarter Bewusstsein nur schwach verankerten Stadtbezirk mit seinen fast 70 000 Einwohnern, leben 4000 Griechen. Ich besuche den griechischen Supermarkt Manna in der Nähe des Neckars, Überkinger Straße. In diesem Laden gibt es neben Waren „aus Hellas, Russland und vom Balkan“ eine schöne Kaffeenische, wo ich mir neben einem Mokka etwas unverschämt Süßes gönne. Ich sehe stattliche Fisch-, Fleisch- und Käsetheken und auffallend freundliche Frauen bei der Arbeit. Ein guter Tagesanfang in Cannstatt.

Fast immer wenn im Rathaus und in anderen Debattierclubs von „der Stadt“ die Rede ist, konzentriert sich der Blick auf ein kaum definierbares Zentrum im Kessel, die sogenannte Innenstadt. Viel aufregender ist für den Spaziergänger die Außenstadt, politisch vernachlässigt wie unser Fluss. Schuld an der anhaltenden Ignoranz gegenüber dem Neckar und seinem Stadtbezirk an beiden Ufern hat die provinzielle Charakterlosigkeit beim Umgang mit dem eigenen Wasser und der eigenen Geschichte.

Cannstatt, früher auch Kannstadt, Canstatt und Cannstadt genannt, bevor es die Nazis 1933 in Bad Cannstatt umtauften, hat viele urbane Plätze und Ecken. Oft schlendre ich in der verwinkelten Altstadt durch die Marktstraße und mache mir Sorgen, wie es wohl weitergehen wird mit den kleinen Läden abseits der alles fressenden Einkaufsklötze im Stuttgarter Zentrum.

Wenn bloß dieser verdammter Wilhelmsplatz nicht wäre: für den Fußgänger eine Art Henkersknotenpunkt im Straßenverkehr. In Lebensgefahr taumelt man zwischen Straßenbahnen und Autos herum. Deshalb steige ich fast immer erst am Kursaal aus.

Vom Manna-Markt gehe ich in der Überkinger Straße weiter, bis ich vor einem­beachtlichen, sandfarbenen und rostroten Backsteinhausbau stehe. Ganz oben vor dem Flachdach eine wunderschön ein­gefasste Uhr wie an einem alten ­Bahnhof. Das ist die Jahn-Realschule. Bis 1966 war in diesem 1866 erbauten Haus das Gottlieb-Daimler-Gymnasium. Eine Tafel am Eingang zählt „Berühmte Schüler“ auf: die Flugzeugbauer Hellmuth Hirth und Ernst Henkel, den Autobauer Ferdinand Porsche, den Historiker und Journalisten Waldemar Besson, den Filmemacher Johannes Schaaf („Tätowierung“, „Momo“), den Politiker Joschka Fischer („Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“) – und ganz unten: Jürgen Leippert, geboren 1944, Maler in Stuttgart.

Erst als ich später meine Taschentelefon­Aufnahme des Schilds prüfe, fällt mir auf, dass die Zeile mit dem Namen Jürgen Leippert etwas kleiner geraten ist als die anderen und leicht schief steht. Gut, denke ich, nach Cannstatt kommst du in diesem Frühling garantiert noch oft – also besuche ich sofort Herrn Leippert. Mit der Bahn zurück in Stuttgarts wahres und historisches Zentrum, die Altstadt. Im ersten Stock des Eckhauses am Eingang zur ­Leonhardstraße arbeitet der Künstler in seinem Atelier. Es riecht nach Terpentin und Gauloises. Mann, sage ich, du bist sogar in Cannstatt weltberühmt. Leippert zieht an seiner Filterlosen und grinst. Jaja, er war mal Schüler des Cannstatter Gymnasiums, fünf Jahre, bevor seine weitere Duldung auf der Kippe stand und er vorsichtshalber eine Lehre als Retuscheur antrat.

Vor einiger Zeit gab es ein Klassentreffen der Daimler-Gymnasiasten, und der Maler und sein ehemaliger Nebensitzer – aus kriminalistischen Gründen kann ich seinen Namen nicht nennen – gingen versehentlich in ihr früheres Domizil, in die heutige Jahn-Realschule. Das Gymnasium war schon 1966 in die Kattowitzer Straße umgezogen. Beim Blick auf das Schild mit den Berühmtheiten muss es Leipperts Klassenkamerad als schreiende Ungerechtigkeit empfunden haben, dass sein Freund von den Historikern so schändlich ignoriert wurde wie die Cannstatter von den Stuttgartern. Also ergänzte er auf eigene Faust die Schulchronik.

Bei dieser Nacht-und-Nebel-Aktion geriet Leipperts Namenszeile zwar etwas aus dem Lot, wurde dem Charakter des Altstadt-Künstlers aber durchaus gerecht. Wer schon will so verlogen-geradlinig verewigt werden wie Joschka Fischer aus Fellbach, der als junger Schnösel in Wendelin Niedlichs Buchhandlung an der Schmalen Straße Bücher klaute?

Die Geschichte von den Literatur-­Raubzügen des späteren Straßenrebellen und Taxifahrers, Außenministers und ­Industrieberaters kennt heute fast jeder. Am Tag meines Leippert-Besuchs aber musste sie noch einmal revidiert werden, weil der ehemalige Ministrant Fischer nach abgebrochener Fotografenlehre gleich neben Leipperts heutigem Atelier seine politische Grundausbildung absolvierte – als Zögling ehrbarer Klassenkämpfer im Club Voltaire, Leonhardstraße 8.

Warum Stuttgart trotz seines weltläufigen Stadtteils Cannstatt ein Dorf ist, merke ich schnell an diesem Tag: Kaum habe ich mich vom Leonhardsviertel auf die andere Seite des zerstörten Zentrums ­vorgekämpft, treffe ich in der Eberhard­straße . . . wen? Den Buchhändler Wendelin Niedlich. Von 1960 bis 1998 führte er in Stuttgart seinen Laden und wurde eine Legende. Er sitzt auf einem Stuhl am Straßenrand in der Frühlingssonne und wartet, bis sein Stammlokal, das Café Weiß, öffnet. Wir plaudern kurz – nein, nicht über den Bücherdieb.

Niedlich wirkt frisch und gut gelaunt, doch weiß ich, dass es das Leben materiell nicht gut mit ihm meint. Am 31. August wird er 90 Jahre alt. Ich schätze, der eine oder andere hat bis dahin eine gute Idee für eine Ehrung, damit man eines Tages nicht auch diesen berühmten Namen heimlich verewigen muss.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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