Bauers Depeschen


Samstag, 24. Januar 2015, 1411. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20150124

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LIEBE GÄSTE,

alles geht seinen Gang. Noch einmal der Hinweis: Am 30./31. Januar findet im Rathaus das Städtebau-Symposium „Stuttgart für alle – wohin entwickelt sich unsere Stadt?“ im Rathaus statt. Veranstalter sind die ArichtektInnen für K21, das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und die Gemeinderatsfraktion SÖS/Linke/Plus. Bei der Abschlusskundgebung am Samstag, 31. Januar, auf dem Schillerplatz halte ich eine Rede, es gibt bei diesem Finale Musik, Tanz & Aktionen; Hannes Rockenbauch moderiert. Beginn: 16.30 Uhr (schlechter Zeitpunkt, Start der Bundesliga). Alles über das Symposium: STUTTGART FÜR ALLE

Am Samstag, 7. Februar, geht der erste FLANEURSALON des Jahres über die Bühne, mit Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dacia Bridges, Michael Gaedt & Anja Binder in der UHLBACHER KELTER. Der Abend ist so gut wie ausverkauft, deshalb gleich der Hinweis auf unsere nächste Lieder- und Geschichtenshow: Am Mittwoch, 11. März, sind wir in der Ostheimer FRIEDENAU, in der klassischen Besetzung mit Stefan Hiss, Dacia Bridges, Roland Baisch. Den Besuch dieses Flaneursalons empfehle ich schon aufgrund des Bühnenorts: Die Friedenau im als Arbeiterkolonie erbauten Ostheim hat einen historischen, einen gut erhaltenen Wirtshaussaal, wie man ihn heute kaum noch findet in der Stadt. Dieser schöne Raum hat eine politische Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Und kaum einer wird sich erinnern: Der Rechtsanwalt Klaus Croissant hat hier 1974 den Hungerstreik-Tod des inhaftierten RAF-Mitglieds Holger Meins verkündet; in diesem Saal hat der ehemalige Kommunist und Gewerkschafter Ewald Conzmann, während der Nazi-Dikatur und auch nach dem KPD-Verbot in der neuen Bunderepublik für einige Wochene Gefangener im Hotel Silber, lange seine legendären Mieterversammlungen abgehalten. Reservierungen für den Flaneursalon in der Friedenau: 07 11 / 2 62 69 24.

Und da wir bei der Politik sind und der baden-württembergische NSU-Untersuchungsausschuss mit skrupelloser, böswilliger, dafür vielsagender Verspätung seine Arbeit aufgenommen hat: In der Nacht zum Donnerstag lief im ZDF ein sehr guter Dokumentarfilm über den politischen Sumpf rund um den NSU. Hier der Link zur Mediathek: DER NATIONALSOZIALISTISCHE UNTERGRUND



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne "Joe Bauer in der Stadt":



IM ANGESICHT DES ELENDS

Als wir uns treffen, kommt sie gerade aus Haitis ­zerstörter Hauptstadt Port-au-Prince zurück, und sie muss weiter nach El Salvador. Nur eine Nacht wird Eva Gensch in ihrem Haus verbringen, in Coyoacán, einem Viertel von Mexiko-Stadt, wo der Sowjet-Agent Ramón Mercader 1940 den russischen Revolutionär Leo Trotzki mit einem Eispickel erschlug, wo die berühmte Malerin Frida Kahlo bis zu ihrem Tod 1954 lebte und arbeitete.

Cayoacán gehört zu den Gegenden der mexikanischen Hauptstadt, die man malerisch nennt. Historische Häuser, Villen, Parklandschaften, Bars. Die vielen Graffiti an den Mauern und Holzwällen mit Nato-Stacheldraht vor den für Passanten oft unsichtbaren Häusern erzählen von einem anderen Mexiko: dem Land der Korruption, der Drogenkriege, der ermordeten, verschleppten, verschwundenen Menschen.

Eva Gensch, in Österreich geboren und aufgewachsen, seit 2003 Kamerafrau beim SWR, lebt seit den neunziger Jahren in Stuttgart. Im Dezember 2013 zog sie mit ihrem Mann, dem Filmemacher Goggo Gensch, nach Mexiko. Bis Ende des Jahres wird sie im ARD-Studio der Hauptstadt arbeiten, vielleicht länger. Goggo Gensch ist Redakteur beim SWR, pendelt zwischen Mexiko und Deutschland. Irgendwann geht es zurück nach Stuttgart.

Eva Gensch strahlt etwas von der Ruhe von Menschen aus, die sich an die Unruhe gewöhnt haben. Die meiste Zeit unterwegs, in jeder Pause bereit zum Aufbruch. In Haiti hat das in Mexiko-Stadt stationierte, für Mittelamerika und die Karibik-Staaten zuständige ARD-Team einen Film zum fünften Jahrestag des Erdbebens auf der Karibik-Insel gedreht. In El Salvador, dem nächsten Ziel, geht es um einen „Weltspiegel“­Beitrag über Frauen, die man ins Gefängnis steckt, weil sie abgetrieben haben oder eines Schwangerschafts­abbruchs verdächtig werden. Ob sie vergewaltigt wurden, interessiert die Justiz nicht.

Eva Gensch hat ihren vierten Haiti-Einsatz hinter sich. Das erste Mal war sie zwei Wochen nach der Katastrophe in Port-au-Prince, als mangels Linienflügen die Einreise nur über die Dominikanische Republik möglich war. Sie sagt, ihre erste Begegnung mit den Menschen in den Trümmern, im Morast der Stadt habe sie zunächst nicht als Realität wahrnehmen können. Alles sei ihr abstrakt erschienen. Der Anblick der zerlumpten Leute auf der Straße und in den Zelten sprengte die Grenzen ihrer Vorstellungskraft. Sie kam sich vor wie in einem Film, wie im Kino, das man verlassen kann mit der Gewissheit, es waren nur Bilder, die Wirklichkeit ist anders.

Die Kamerafrau redet nicht viel über ihren Umgang mit der Not, mit dem Leid. Die Verarbeitung der Erfahrungen im Elendsjournalismus ist etwas Intimes. Die Allerweltsfrage „Wie fühlt man sich?“ erschiene mir peinlich.

Sie war noch nicht lange in Mexiko, als sich die Nachricht über die 43 im Land vermissten Lehramtsstudenten zwischen die Berichte über die Ukraine-Krise und den Syrien-Krieg ins deutsche Fernsehen drängte. Vermutlich wurden die Studenten auf Geheiß des Bürgermeister von der Polizei verschleppt, sie galten als kritisch, bereit zum Protest. Die Recherchen zu diesem Verbrechen, sagt die Kamerafrau, hätten die schlimmsten Gefühle hervorgerufen, die sie je bei der Arbeit empfunden habe.

Schauplatz war die Provinzstadt Iguala im Bundesstaat Guerrero, ein paar Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. Inzwischen hat sie Angst, wenn irgendwo das Wort Massengrab auftaucht. Als sie es neulich in einer E-Mail tippen wollte, streikten ihre Finger. Die Bilder gefundener Menschenknochen in den Bergen lassen sich nicht verdrängen, so wenig wie das Gefühl einer unsichtbaren Bedrohung, die Erinnerung an Pick-up-Konvois, die zur Entsorgung unbekannter, vermutlich menschlicher Fracht in die Berge fahren. Mexiko, ein Land, das sie eigentliche liebe, sagt sie, habe sich demaskiert.

Kein Grund, wegzusehen. Sie ist infiziert von der Neugier auf Geschichten. Auf Menschen, deren Geschichte man im Dienst der Menschlichkeit erzählen muss. Von José, dem jungen Mann aus Honduras, der sich gegen tausend Dollar von Schleppern auf den berüchtigten Flüchtlingszug durch Mexiko zur US-Grenze locken ließ. Auf dem Dach eines Waggons schlief er ein, fiel herunter, geriet unter die Räder. Als ihm ein Bein abgetrennt wurde, griff er danach und verlor seinen Arm. Man hat den Mann gerettet. Heute trägt er eine Prothese, hält Vorträge, warnt vor dem Traum, die Eisenbahn Richtung USA führe ins gelobte Land. Man nennt den Flüchtlingszug „La Bestia“; der amerikanisch-mexikanische Spielfilm darüber, „Sin Nombre“ (Ohne Namen), lief auch bei uns. Und dann sind da die weißen Flugzeuge, die Tausende glückloser Flüchtlinge täglich aus den USA in die mittelamerikanischen Länder zurückbringen.

Eva Gensch, nach ihrem Studium (Fotografie und Werbefilm) zunächst als Praktikantin und Kamera-Assistentin beim SWR, absolvierte eine Woche lang den berufsüblichen, von der Bundeswehr organisierten Kurs „Journalisten im Ausland“. Die Teilnehmer lernen, sich bei Schüssen auf den Boden zu werfen, sich nicht, wie die Helden in Fernsehfilmen, hinter Mauern oder Autos zu verstecken. Die Kugeln durchschlagen solche Deckungen. Es gibt auch ein Training für den Entführungsfall, und nach realen Einsätzen wie in Haiti bietet der Sender den Mitarbeitern psychologische Betreuung an.

Eva Gensch sagt, sie verarbeite ihre Erfahrungen lieber allein. Es geht weiter, das Leben aus dem Koffer. Als ich diese Zeilen tippe, ist sie bei der Arbeit in Havanna, Kuba.



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