Bauers Depeschen


Dienstag, 19. Oktober 2010, 601. Depesche



FLANEURSALON am 7. 11. ist ausverkauft. Großer Dank an alle Unterstützer - schicken Sie uns bitte Ihre Berufsveranstaltungsherumtreiberberrechnung. MwSt nicht vergessen. Der volle Saal ist insofern bemerkenswert, als Frau Mirjam mit jott keinen unserer Flyer verteilt, sondern sie samt und sonders als Notizzettel auf ihrem Schreibtisch benutzt hat.



NOTIZEN, S 21

Der 500. Beitrag im LESERSALON ist eingetroffen. Dafür gibt es normalerweise zwei Freikarten für den Flaneursalon. Was vielleicht ganz interessant ist: Habe versucht, mit einigen Pro-21-Leuten, auch solchen, die im "Lesersalon" schrieben, per Mail Kontakt aufzunehmen. Reaktion: null. Hatte nichts anderes erwartet. Es geht fast immer nur darum, Billig-Propaganda irgendwo und am besten anonym im Internet zu platzieren. Ich glaube, sie nennen das Kommunikation. Die Mails, die ich von Unbekannten erhalte, werden täglich dümmer. Floskeln, Phrasen von Menschen, die den eigenen Geschmack zum Maßstab erheben und ihren Hass in den Computer hacken, anstatt mal ein Buch zu lesen, eine Platte zu hören, die Stadt anzuschauen. Von anderen anregenden Dingen ganz zu schweigen.



Die aktuelle StN-Kolumne:



Joe Bauer in der Stadt

VIETNAM

Es ist Montag, der Himmel grau und gefährlich nah. Am Mittag sitze ich im Grand Café Planie, Charlottenplatz. Wieder ein Versuch, die Stadt in Echtzeit festzuhalten. Habe Schinkennudeln verzehrt – mit Vorsicht, wollte die Maus neben dem Teller nicht erwischen. Ernährungswissenschaftlich gesehen ist es nicht gesund, Schinkennudeln bei Echtzeit-Experimenten zu essen. Der Teller ist größer als mein Computer.

Wenn die Tage grau werden, wird alles kleiner. Der Mensch, die Stadt, die Aussicht. Gerade hat mich im Café ein Mann mit Glatze und Schnauzer vorwurfsvoll gefragt, ob ich ihn nicht mehr kenne. Nein, habe ich gesagt. Wir seien zusammen zur Schule gegangen, hat er gesagt. Ich hätte es wissen müssen. Es ist noch nicht einmal vierzig Jahre her. Die Zeit vergeht wie im Flug, wenn die Tage grau sind und der Karlsplatz fast leer.

Durch den Hof des Alten Waisenhauses bin ich gekommen, habe die Plakate der Kunstausstellung im Institut für Auslandsbeziehungen betrachtet. Zwei verschwommene Frauen, sie tragen grüne Militärmützen und -uniformen, der Hintergrund ist blutrot. Die Schau heißt „Vietnam“.

Jetzt schaue ich am Karlsplatz auf die Palmen, die Korbsessel und die geschlossenen Sonnenschirme vor dem Café. Die Frauen, sogar die jungen und hübschen, gehen gebückt, als wäre der vergangene Sommer der letzte gewesen.

Als der Mann mit dem Schnauzer und ich zusammen zur Schule gingen, war Krieg in Vietnam. Manchmal haben auch die Schüler protestiert und einen Flügel der Schule besetzt. Hinter dem Karlsplatz, vor dem Alten Schloss, stehen die Steinskulpturen von Alfred Hrdlicka. Durchs Fenster des Cafés sind sie auch nicht mit meinem Fernglas zu sehen, man muss erst am Reiterdenkmal mit Kaiser Wilhelm vorbei. Früher waren die Torsi auf dem Schlossplatz. Eine der Skulpturen hat der Künstler „Hommage à Sonny Liston“ genannt; die einzige Faust hängt unten, als wolle sie zu einem Uppercut ansetzen.

Sonny Liston war ein Verlierer. Er kam aus dem Gefängnis und wurde Boxweltmeister, und 1964 hat ihn ein Großmaul namens Cassius Clay verprügelt, dass er nach sechs Runden nicht mehr aus seiner Ecke kam. Ein Jahr später, im Rückkampf, traf das Großmaul nach 105 Sekunden Sonny Liston mit einem unsichtbaren Schlag so schwer am Kinn, dass er k. o. ging. Cassius Clay hieß da schon Muhammad Ali, und bis heute wird behauptet, die Mafia habe die Kämpfe verschoben.

Das wahre Drama aber begann später. Ali wurde der Weltmeistertitel aberkannt, weil er sich weigerte, den Wehrdienst in der amerikanischen Armee anzutreten. Erst 1970 durfte er wieder in den Ring, und im selben Jahr fand man Sonny Liston tot in Las Vegas. Er wurde 38 Jahre alt. Seinen letzten Kampf hat er im Hotelzimmer verloren, vermutlich gegen das Heroin.

Da war der Vietnamkrieg noch im Gang, Muhammad Ali kämpfte wieder, und es ist kein Zufall, dass mir diese Dinge einfallen, wenn ich über den Hof des Alten Waisenhauses zum Karlsplatz gehe. Gegenüber der Vietnam-Ausstellung ist das Deutsch-Amerikanische Zentrum. Die Welt ist zusammengerückt.

Seit der Mann mit dem Schnauzer und ich zur Schule gingen, hat sich viel geändert. Früher erschien mir der schlimmste Oktober bunter als heute, wo wir beide grau sind, und ich wusste nichts von Sonny Liston. Dass er sich mit den Mächtigen anlegte, dass er mit dem Schicksal spielte und ein ehrbarer Hurensohn mit Klasse war. Der Wiener Künstler Hrdlicka hat in Stuttgart gelehrt, er liebte die Rebellen. Im vergangenen Herbst ist er gestorben, kurz vor der großen Rebellion.

Es ist inzwischen zwei Uhr am Nachmittag. Die Korbsessel und Palmen werfen Schatten, die Sonne hat sich durch das Grau gekämpft. Ein paar Männer palavern im Freien, vielleicht soll sie keiner hören. Die meisten Blätter der Kastanienbäume sind braun und hinüber, sie werden weicher fallen als Sonny Liston.

Verschnurzelt und in Frieden ruhen die letzten Kastanien am Karlsplatz auf dem Pflasterstein. Bald kommt der Winter.

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